Am Anfang steht das Design

Aus Ideen neue Produkte werden lassen, Möbel neu denken, die Industrie mit Know-how unterstützen und den Boden bereiten für innovative Technologien – das ist das Angebot von ambigence, der Ideenschmiede für die Möbelindustrie. 

„Wir wollen einen Raum schaffen für Innovationen und zum „Um-die-Ecke-denken“, einen Raum, in dem Unmögliches zu Machbarem wird“, so beschreibt Norbert Poppenborg, Director Marketing & Business Development der ambigence GmbH & Co. KG den Anspruch und Daseinszweck des Unternehmens. Die ausgewiesenen Spezialisten für Innovationsmanagement und Projektierung unterstützen ihre Klientel aus der Industrie bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen, dem strategischen Schutzrechtsmanagement, der Produktentwicklung und im Marketing.

Die Anfänge der Ideenschmiede für die Möbelindustrie reichen in eine Zeit zurück, als die Gründer Oliver Schael, heute CEO von ambigence, und Norbert Poppenborg noch für die Hettich Gruppe, einem weltweit führenden Hersteller von Möbelbeschlägen, an der Entwicklung innovativer Klappenbeschläge arbeiteten. Inspiriert von Drehtüren mit eingelassenen Scharnieren machte sich das Team an die Entwicklung von Beschlägen, die in der Korpuswand verschwinden und damit im Schrank selbst keinen wertvollen Platz mehr verschwenden würden. Dabei durfte die Schrankwand nicht dicker als 19 Millimeter sein. Um die Möbelhersteller – vor allen jene aus dem Premiumsegment – von der Idee zu überzeugen, stellte man das Schrankdesign in den Vordergrund und entwarf die Vision „The Panel is the new Fitting“ (Die Seitenwand ist der Beschlag). Diese Vision steht für die perfekte Verschmelzung von Design und Technik, also Möbelseite und Funktion als eine untrennbare Einheit zu betrachten und damit ein funktionalisiertes Möbelelement zu schaffen. 

Industriestandards als Ziel  


Nach zahlreichen Designstudien, mit denen das Thema besetzt wurde, stellten Schael und Poppenborg ihr Konzept und den ersten vollintegrierbaren Klappenbeschlag für Oberschränke mit Drehklappen zunächst ausgewählten Kunden vor. Durch den großen Zuspruch der Fachwelt ermutigt folgte 2018 der nächste Schritt: die Gründung der ambigence GmbH & Co. KG. „In diesem Netzwerk konnten wir Anforderungen aus der Möbelbranche bündeln, um die Basis für einen Standard für integrierte Beschläge zu erreichen, der dann am Markt ebenso gültig ist, wie heute die 32er Lochreihe. Nur dadurch ist der gleiche Wettbewerb für integrierte wie für herkömmliche Beschläge garantiert“, erklärt Norbert Poppenborg. Zudem gewährleisteten diese Standards, dass ein Möbelproduzent seine bestehenden Fertigungsstraßen zur Integration der innovativen Beschläge nutzen kann.

Den ersten integrierten Klappenbeschlag, den „ViZard by ambigence“, entwickelte ambigence gemeinsam mit Hettich und stellte ihn auf der Branchenleitmesse Interzum 2019 erstmals dem Fachpublikum vor. Anhand von Klappenschränken mit rahmenlosen Glasfronten setzte ambigence die Vorzüge scharnierloser Schränke eindrucksvoll in Szene. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: noch im gleichen Jahr wurde der ViZard mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet. Die Jury begründet dies so: „Dank eines fortschrittlichen Technikeinsatzes wird der Klappenbeschlag ViZard by ambigence hohen Ansprüchen an Ästhetik und puristische Designlösungen gerecht.“
Der zweite Beschlag mit integriertem Scharnier, der „Unico“, war eine gemeinschaftliche Entwicklung mit dem italienischen Unternehmen Effegi Brevetti, dem Branchenführer für nach unten öffnende Klappen. 
 

IMA Schelling und ambigence


Bei der Entwicklung seiner Ideen kooperiert ambigence mit verschiedenen Partnerunternehmen, die jeweils auf ihrem Gebiet Spezialisten sind. Dazu zählen u. a. Designer, Tischler, Klebstoff- und Plattenhersteller sowie Maschinenbauer wie die IMA Schelling Group. IMA Schelling war als einer der ersten Partner von ambigence maßgeblich an der Realisierung der Integration von Beschlägen beteiligt. „Noch vor der Gründung von ambigence bat Norbert Poppenborg bereits um unsere fertigungstechnische Expertise hinsichtlich der Umsetzung des scharnierlosen Korpus“, erinnert sich Thomas Hampel, Leiter Technik bei IMA Schelling. Schnell war klar, dass das Seitenteil, in das die Beschläge eingebracht werden sollten, großflächig ausgeräumt werden müsste. IMA Schelling beriet das ambigence-Team nicht nur diesbezüglich, sondern lieferte auch die entsprechend bearbeiteten Seitenwände für erste Funktionsmuster.

Bestehende Fertigungstechnik nutzen


Schrankseiten, die die neuartigen Beschläge aufnehmen, bestehen aus zwei dünnen, einseitig beschichteten Einzelplatten von maximal zehn Millimeter Stärke, die auf der Scharnierseite bereits bekantet wurden. Um die Beschläge aufnehmen zu können, wird aus den Platten gegengleich großflächig Material herausgearbeitet. Am Ende bleiben in diesem Bereich nur noch ein bis eineinhalb Millimeter starke Wände stehen. Anschließend werden die Beschläge, die der Seitenwand die notwendige Stabilität geben, eingelegt und die beiden Platten über die gesamte Fläche miteinander verleimt. Danach folgt die Bekantung der drei scharnierfreien Seiten der Korpuswand. 

Diese Form der Integration eröffnet die Möglichkeit, den kompletten Bauraum der Seitenwand zu nutzen. Gleichzeitig hat dieses Vorgehen den großen Vorteil, dass Rohplatten- und Möbelhersteller Standardprozesse bzw. vorhandene Technik nutzen können. Allerdings erfolgen viele Fertigungsschritte wie beispielsweise das Einlegen der Beschläge und das Verleimen der Platte bislang aufgrund der aktuellen Stückzahlen noch manuell. „Steigt die Nachfrage nach scharnierlosen Schränken, lohnt sich dann auch die Entwicklung einer geeigneten Montagetechnik“, erklärt Thomas Hampel.

Für die Montage der Beschläge bieten sich verschiedene Möglichkeiten an: Sie können als Ganzes mit der Seitenwand verklebt werden. Alternativ kann eine Kassette eingeklebt werden, in die der Beschlag dann geschoben wird oder eine Montageplatte, auf die der Beschlag geschraubt wird. Der Beschlag an sich ist jedoch immer der gleiche. Jedes Vorgehen hat seine Vorzüge: Bei großflächigen Beschlägen hat sich das Kleben bewährt. Montageplatte und Kassette erlauben das Austauschen des Beschlags im Falle eines Defekts. Zudem gibt die Kassette der Seitenwand die notwendige Stabilität. 

   

Ausblick


 

Derzeit arbeitet das Team von ambigence mit weiteren internationalen Beschlaghersteller an neuen integrierbaren Funktionen, die es Möbelherstellern erlauben sollen, ein komplettes Produktprogramm mit unsichtbaren Beschlägen zu entwickeln. Zudem hat ambigence das Thema Platte für sich entdeckt und denkt darüber nach, welche Funktionen noch in die Schrankseite integriert werden können. 
Neben Firmen aus der Möbelbranche bitten zunehmend auch branchenfremde Unternehmen ambigence um Entwicklungshilfe. „Gerade aktuell beraten wir zwei Firmen, die bislang nichts mit Möbeln zu tun hatten. Sie haben eine spannende, in der Möbelbranche bislang unbekannte Technologie entwickelt und baten uns um Prüfung und Zugang zum Markt“, erklärt Poppenborg.
 

Drei Fragen an Norbert Poppenborg

Poppenborg, Director Marketing & Business Development: Unser Leitfaden ist Design – puristisches Design. Schon heute ist in modernen Wohnungen alles integriert. Heizungen verstecken sich unter dem Fußboden, Leuchten in der Decke und Spülkästen in der Wand. Zudem steigt der Glasanteil im Haus- und Fassadenbau stetig. Da schien es uns logisch, Beschläge zu entwickeln, die in der Schrankwand verschwinden. Allerdings hörte in der Möbelindustrie der Designanspruch bislang hinter der Front auf. Wir sind jedoch überzeugt, dass die Kunden sich Purismus wünschen – auch bei Möbeln.

Poppenborg, Director Marketing & Business Development: Nein, damit haben wir nur begonnen. Wir suchen stetig nach weiteren möglichen Funktionen, die sich in eine Möbelseite integrieren lassen. Unser Ziel ist es, bislang noch nicht vorstellbare Funktionen zu realisieren. Dabei fokussieren wir uns nicht nur auf Beschlagfunktionen.

Poppenborg, Director Marketing & Business Development: Bald. Wir werden noch in diesem Jahr anlässlich des Mailänder Salone del Mobile dem Fachpublikum im Fiori Salone neue Visionen, Konzepte und Prototypen vorstellen und sind sehr gespannt auf das Feedback. Darüber hinaus veranstalten wir am vierten Juni gemeinsam mit dem Klebstoffhersteller JOWAT ein Praxisseminar. Thema wird die technische Seite der Beschlagintegration sein. Wir sind auch mit IMA Schelling im Gespräch und hoffen, dass sie uns anhand eines Filmes den Fertigungsprozess zeigen können. 

Unmögliches machbar werden lassen

 

2018 als Spin-off des Beschlagherstellers Hettich gegründet ist die ambigence GmbH & Co. KG aus Herford (ambigence = Ambiente + Intelligence) heute ein unabhängiges Unternehmen, dass sich der Entwicklung von Innovationen für die Möbelindustrie verschrieben hat. Gemeinsam mit Partnern aus der Industrie entwickelt ambigence innovative Beschläge, führt sie zur Serienreife und erhält aus dem Verkauf eine Lizenzgebühr.

Solution - Das Zukunftsmagazin

 

Zurück zur Übersicht